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Unbekannte Rettungsaktionen von Quäkern in Nazi-Deutschland

Rezension

von Wilfried Gaum

Petra Bonavita, Quäker als Retter im Frankfurt am Main der NS-Zeit, Schmetterling Verlag Stuttgart 2014, 288 Seiten, 19,95

Mit dem Buch von Bonavita werden bisher unbekannte Rettungsaktionen von Quäkern in Nazi-Deutschland beschrieben. Die Quäker, wie die Mitglieder der Religiösen Gesellschaft der Freunde, umgangssprachlich genannt werden, halfen politisch und religiös Verfolgten zur Ausreise und Flucht aus Deutschland. Das Hauptaugenmerk liegt dabei bei den bislang nicht dokumentierten Aktivitäten einer knapp zwanzig Mitglieder umfassenden Gruppe der Quäker in Frankfurt am Main. Diese kleine Gruppe organisierte die besser bekannten Kindertransporte jüdischer Kinder, mit denen bis zum Kriegsbeginn 1939 Tausende Kinder und Jugendliche vor den sich stetig verschärfenden Schikanen, der Verfolgung und letztlich ihrer Vernichtung in den Konzentrationslagern gerettet wurden. Dass diese humanistischen Großtaten bislang vielen anderen Beteiligten, nicht aber den Quäkern zugerechnet worden sind, liegt an der Eigenart dieser Religionsgemeinschaft: was selbstverständlich ist, muss nicht besonders hervorgehoben werden. Und das man den Bedrängten Hilfe leistet, sie aufnimmt, schützt, ihre seelischen und körperlichen Wunden pflegt, sie mit Nahrungsmitteln versorgt und sie einer sicheren Zuflucht zuführt, welcher Christ würde das nicht ohne viel Aufhebens tun?

Die Autorin zeichnet an Hand verschiedener Institutionen, die von Quäkern geschaffen wurden, und in Berichten über aktive Quäker in und um Frankfurt nach, wie diese wenigen Individuen sich bei der Versorgung und Hilfe für Tausende von Menschen verdient machten. In einem "Erholungsheim" in einem Hotel in Falkenstein im Taunus wurde eine Herberge eingerichtet, um Verfolgungsschäden zu mildern und Nazigegnern und Verfolgten eine Ruhepause zu ermöglichen. Für Kinder und Jugendliche wurde unter großen materiellen Opfern nahe der deutschen Grenze in den Niederlanden ein Internat eingerichtet, das dazu beitrug, den Geflüchteten eine humanistische moderne Pädagogik als Alternative zur nazistischen Ausgrenzungs- und Ausrottungsdemagogie angedeihen zu lassen. Die Quäker waren wesentlich an der Organisation von Kindertransporten nach Großbritannien bis zum Kriegsausbruch beteiligt, manche herzzerreißende Szene wird geschildert, wenn die teilweise noch sehr jungen Kinder am Bahnhof in Frankfurt ein letztes Mal ihren Eltern Lebewohl sagen konnten und ihre Eltern sehr oft nicht mehr wiedersahen. Die internationalen Verflechtungen und Kontakte der Quäker zu britischen und amerikanischen Freunden halfen manchem Verfolgten auch noch nach dem 1. September 1939, sich aus dem Machtbereich der Nazis in Sicherheit zu bringen. Dabei muss aber auch bemerkt werden, dass die US-amerikanischen Behörden bis zum Juli 1941 also bis zum Kriegseintritt der USA sich mehr als zögerlich und zum Teil schikanös gegenüber den in Lebensgefahr schwebenden Eimigranten verhielten. Die USA ließen eine so geringe Einreisequote zu, dass eine Rettung bis zur Schließung der Konsulate wegen ausstehender Ausreisepapiere vereitelt war. Soweit zur Politik der USA bis zu diesem Zeitpunkt.

Petra Bonavita stellt in ihrem Buch auch die Lebensläufe wichtiger Quäkerpersönlichkeiten aus der Frankfurter Gruppe vor, die als idealtypisch für Habitus und Glauben der Mitglieder der Religiösen Gesellschaft gelten dürfen. Dr. Rudolf Schlosser (19801944) war zunächst Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirche, siedelte nach Kriegsteilnahme in der Industriestadt Chemnitz, um den Arbeitern nahe zu sein und "ihnen dort zu dienen." Anfang der 20er Jahre wurde er Sozialdemokrat und kehrte der Amtskirche den Rücken, weil diese die Arbeiterschaft im Stich ließ und kam mit Emil Fuchs, einem religiösen Sozialisten in Kontakt. Fuchs war bis zu seinem Tode 1971 in der DDR Mitglied der Religiösen Gesellschaft und trug zum schließlichen Beitritt Schlosser im Jahre 1931 bei. Im April 1933 verhaftet, verlor Schlosser seine Stelle als Leiter eines Jugendheimes und musste Sachsen verlassen. Ab Juli 1933 wirkte er in Frankfurt als Leiter eines Quäker-Heimes und war bis zu seinem Tode in einem Bombenangriff als Fluchthelfer tätig. Neben anderen wird als weitere wichtige Frankfurter Quäkerin Else Wüst (18931974) ein Kapitel des Buches gewidmet. Sie wuchs in einem sozialdemokratischen Arbeiterhaushalt auf, in dem sie lernte soziale Verantwortung zu übernehmen. Früh verwitwet machte sie eine Ausbildung als Krankenschwester, erwarb einen Abschluss, der sie nach heutigen Verhältnissen als Sozialarbeiterin qualifizierte und trat schließlich 1925 in den Dienst einer weiblichen Kriminalbeamtin in Berlin ein, wo sie auch der SPD beitrat. 1933 wurde sie als politisch unzuverlässig entlassen und hielt sich mit dem Angebot einer "Unterwassertherapie" über Wasser. Sie war ebenso wie Schlosser in der Hilfe für Verfolgte und Emigranten tätig. Am 1. Mai 1945 wurde sie von der amerikanischen Militärregierung als Kriminalkommissarin wieder eingestellt.

Das Buch von Bonavita ist Bericht, Chronik und wichtige Dokumentation der Widerstands- und Hilfsarbeit einer kleinen, höchst aktiven und wirkungsvollen religiösen Gruppe. Aber was waren die Gründe für ihren Widerstand? Was befähigte diese kleine Anzahl von Menschen, derart wirksam zu sein? In welchem religiösen, historischen und sozialen Kontext agierten sie und weshalb waren sie als eine örtliche Gruppe des deutschen Zweigs der "Religiösen Gesellschaft der Freunde" in der Lage, bis 1940 zu agieren?

Leider erfährt man bei Bonavita nur wenig über die Quellen und Grundsätze der Gruppe, die diese Arbeit unter widrigsten Bedingungen und persönlicher Gefährdung leisteten. Dazu sind an dieser Stelle doch einige ergänzende Bemerkungen zu machen. Die führende Rolle von Frauen in der vorgestellten Widerstandsarbeit erstaunt nicht mehr so sehr, wenn in Betracht gezogen wird, dass bei den Quäkern von Anfang an, schon im 16. Jahrhundert Frauen gleichberechtigt waren. Auch Quäker-Frauen gehörten zu den wichtigsten Organisatoren der Abolitionistenbewegung in den USA ("Underground Railroad") und Großbritannien. Quäkerinnen und Quäker traten dafür ein, dass Gefangene als Menschen behandelt wurden und psychisch Kranke nicht mehr wie Kriminelle, sondern als kranke Menschen angesehen wurden. Eine der führenden Quäkerinnen, Elisabeth Fry wird für diese Arbeit bis heute geehrt.[1] John Bellers, ein Quäker des 17./18. Jahrhunderts kann zu den Begründern der Genossenschaftsbewegung gezählt werden, auf der Robert Owen aufbaute und der bei Marx im Kapital Band I mehrfach zitiert wird. Die Arbeit für Frieden und Völkerverständigung führte bereits im 17. Jahrhundert zu einem Plan für eine europäische Friedensversammlung, deren Ansatz in den Vereinigten Nationen wir realisiert sehen. In jüngerer Zeit sind Quäker als Gründungsmitglieder solcher Organisationen wie der "Campaign for Nuclear Disarmment" (CND), "amnesty international", der "Peace Brigades International", "Oxfam" und "Fair trade" hervorgetreten.

Es ist die spezifische Form des religiösen Glaubens der Quäker, der die Triebkraft für diese immensen Leistungen bildet. Für sie ist es wichtig, dass das Christsein sich in der Persönlichkeit und im Handeln des Gläubigen zeigt, dass ihr Leben insoweit Vorbild ist. Und es ist ihr fast fröhlich zu nennender Optimismus, der in jedem Menschen ein auch noch so verschüttetes "inneres Licht" vermutet, das ihn als ansprechbar und veränderbar zum Guten unterstellt. Solche theologischen Ansätze finden sich schon im Johannes-Evangelium und später u.a. bei Meister Eckhart[2], Seuse, Jacob Böhme, Hannes Denck und anderen Theologen. So liegen die theologischen Wurzeln der Quäker in der deutschen Mystik, die auf verschlungenen Wegen zu einer Bewegung von religiös Suchenden ("Seeker") im revolutionären England des 17. Jahrhunderts führte und nach deren Niederlage auch Elemente der revolutionären Strömungen der "Leveller" und "Digger" aufnahm.

Quäker sein heißt also in erster Linie tätiges Christentum, das Wirksamwerden durch das eigene Beispiel. Zu diesem Glauben gehört ebenso die Ablehnung von Menschen gemachten Hierarchien die frühen Freunde wanderten oft ins Gefängnis, weil sie jeden mit "Du" anredeten und sich weigerten, vor irgendjemanden den Hut zu ziehen oder eine Eid zu leisten: es gibt für Quäker nur eine unteilbare Wahrheit. Die Gesellschaft der Freunde kennt zwar Funktionen, aber keine kirchliche Hierarchie. Entscheidungen werden auf Konsensbasis gefasst, es gibt keine Überstimmung von Minderheiten. Dadurch kosten Entscheidungsprozesse viel Zeit, sind aber dann auch verankertes Gemeingut bei den Freunden. So dauerte es von den ersten Einsprüchen deutscher Quäker, die im 17. Jahrhundert nach Pennsylvanien ausgewandert waren, gegen die Sklaverei bis zur Entscheidung, Sklavenhaltung für unvereinbar mit einer Mitgliedschaft in der Gesellschaft der Freunde zu erklären Jahrzehnte. Ihr Ansatz, in jedem noch so Verrufenen noch etwas von dem "göttlichen Licht" wirksam zu sehen, führen zu Verhaltens- und Gesprächstechniken, die Aggression und Gewalt aus einem Konflikt herausnehmen sollen: Überzeugung statt Gewalt. David Graeber beschreibt in seinem Buch über die Occupy Bewegung, das er bestimmte Kommunikations- und Handlungsmethoden von den Quäkern übernommen und eingeführt habe.

Man hätte sich gewünscht, das Bonavita mehr zu solchen Zusammenhängen ausgeführt hätte. Ganze acht Seiten (S. 10-17) sind im Schwerpunkt auf die Entstehung deutscher Gruppen der Freunde nach 1918 gelegt. Quellen und Antriebe für die kleine Schar der deutschen Quäker werden damit nicht hinreichend klar. So möchte ich das Buch lediglich denjenigen empfehlen, die sich über den Beitrag einer Gruppe der Religiösen Gesellschaft der Freunde in der antifaschistischen Hilfsarbeit informieren wollen. Zur Information über Entstehung, Grundsätze und Wirkung der Quäker als weltweiter Bewegung ist es nur sehr bedingt tauglich. Vielleicht regt die Arbeit Bonavitas aber an, sich intensiver mit dieser faszinierenden Religionsgemeinschaft an anderer Stelle tiefergehend und umfassender auseinanderzusetzen.

Anmerkungen

[1] Die britische 5-Pfund-Note zeigt ihr Porträt sicher eine zweifelhafte Ehre, aber immerhin!

[2] Interessanterwiese hat sich Gustav Landauer als libertärer Sozialist ebenfalls positiv auf Meister Eckhart und die deutsche Mystik bezogen. Meister Eckhart vertrat die Auffassung, dass, vor die Wahl gestellt, einem Hungernden Nahrung zu geben und dafür die vorgeschriebenen Tagesgebete zu unterlassen oder nur zu beten, er immer der Hilfe für Hungernde den Vorzug geben würde.

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sopos 11/2014