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Ein Ende der sopos kein Ende der Diskussion

Die sozialistischen positionen linke Publizistik im Netz von 2000 bis 2017

von Gregor Kritidis im Namen der sopos-Redaktion

Anfang diesen Jahres haben wir beschlossen, keine weiteren Artikel in die sopos einzustellen. Diese Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen, hat aber zwingende Gründe: Personell waren wir nicht mehr in der Lage, die redaktionelle und technische Arbeit auf einem Niveau zu betreiben, dass unseren eigenen Ansprüchen genügt. Diese Situation war auf Dauer unbefriedigend, und so haben wir uns schweren Herzens zu diesem Schritt entschlossen. Die sopos wird damit aber nicht verschwinden, sondern quasi in ei-ne Art statischen Zustand versetzt, sodaß alle veröffentlichten Beiträge bis auf weiteres unter den bisherigen URL abrufbar bleiben.

Wir haben die sopos zu einer Zeit gegründet, als die online-Publizistik noch in ihren Anfängen lag und das Papier noch dominierte. Unser Ziel war ein politisches Magazin mit wissenschaftlichem Anspruch, das zu den Diskussionen innerhalb der Linken in sozialen Bewegungen, Parteien, Gewerkschaften und Initiativen einen Beitrag leistet. Der Titel "sozialistische positionen" war dabei durchaus programmatisch gedacht: Es ging uns nicht um die Propagierung eines bestimmten Programms, sondern um die Beförderung eines linken Pluralismus, bei dem nicht scholastische Fragen, sondern Einschätzungen und Diskussionen der großen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen im Mittelpunkt standen. Es sollten dabei alle politisch-theoretischen Ansätze aufgegriffen werden, die bisher marginalisiert worden waren, um ihre Tragfähigkeit für die Zukunft auszuloten. Von anarchistischen bis zu traditionell marxistischen Ansätzen sollte ein breites Spektrum zu Wort kommen. (siehe dazu auch unsere damaligen Überlegungen: http://www.sopos.org/aufsaetze/3978af9dd4996/1.phtml).

Die Anfänge der sopos als Diskussionszusammenhang reichen weit in die frühen 1990er Jahre zurück. Genauer: In die Krise zu Beginn des Jahrzehnts. Die Wurzeln lagen in der Auseinandersetzungen um die neoliberalen Bildungs- und Gesellschaftsreformen, aber auch in den Diskussionen um ein linkes Selbstverständnis jenseits der überlieferten Ansätze, in der Suche nach einer neuen Orientierung und der Neuformulierung einer antikapitalistischen Gesellschaftskritik. Eine ganze Reihe von Organisationsgründungen, die einen ihrer zentralen Bezugspunkte im Schneiderberg 50, dem Fachbereich Sozialwissenschaften an der der Uni Hannover, hatten, war damit verbunden: Unter anderem das "Politische Aktionskomitee" PAK, die Gruppe "Gegenwind" gegen die Konkurrenz- und Standortlogik, das Bündnis gegen Sozialabbau, die gewerkschaftlich orientierte Studierengruppe "Phoenix" und die Zeitschrift "Positionen". Die Diskussions-, Organisations- und Aktionszusammenhänge waren dabei weder örtlich noch sozial beschränkt: Ältere Genossen brachten ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus Organisationen, Institutionen, Betrieben und Gewerkschaften in die Diskussionen ein, Kontakte erstreckten sich unter anderem bis nach Österreich, England, die USA und in die Schweiz. Die Gründung der sopos erfolgte im Kontext dieser Diskussionszusammenhänge, die keineswegs immer personelle Kontinuitäten aufwiesen; manche Kooperationen erwiesen sich als dauerhaft, andere blieben Episode. Der Bezug zu wissenschaftlichen Debatten war dabei von Dauer, sei es über die Loccumer Initiative kritischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sei es über die Kritische Universität Hannover (KUH). Viele Beiträge, die in der sopos erschienen, fanden ihren Weg in Zeitschriften, Zeitungen, Radiobeiträge oder Bücher, von den unzähligen Veranstaltungen und Aktionen, an denen wir uns beteiligt haben, einmal abgesehen.

Die redaktionelle Arbeit in der sopos einzustellen, bedeutet nicht, dass sich die Diskussionszusammenhänge, von denen sie getragen wurde, aufgelöst haben. Manche sind abgebrochen oder eingeschlafen, andere existieren weiter, andere haben sich verlagert, neue sich gebildet weder haben sich jedoch die Fragen und Probleme, mit denen wir uns herumgeschlagen haben, erledigt, noch ist die Motivation, sich diesen zu stellen, verschwunden. Im Gegenteil: Viele der gesellschaftlichen Widersprüche, die immer wieder Gegenstand der Analyse und Diskussion in der sopos bildeten, haben sich weiter vertieft. Wer den G8-Gipfel in Genua 2001 mit dem G20-Gipfel in Hamburg in diesem Jahr vergleicht, wird feststellen, dass die Konfliktlinien ähnlich verliefen, auch wenn die öffentliche Debatte etwas schriller geworden ist.

Mittlerweile gibt es eine Reihe guter linker Publikationen im Netz. Insofern ist die sopos verzichtbar. An dieser und jener Stelle werden wir uns einbringen, denn die Aufgaben sind seit dem Gründungsjahr 2000 nicht kleiner geworden. Der Kampf gegen die kapitalistische Produktionsweise geht weiter.

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http://www.sopos.org/aufsaetze/59df5ededdfa7/1.phtml

sopos 10/2017