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Warum herrscht der Neoliberalismus über Leben und Denken der Menschen?

Rezension

von Wilfried Gaum

Patrick Schreiner, Warum Menschen sowas mitmachen – Achtzehn Sichtweisen auf das Leben im Neoliberalismus, PapyRossa Verlag Köln 2017 165 Seiten


"Der Neoliberalismus prägt unser Leben und unseren Alltag mehr, als man auf den ersten Blick meinen könnte: Selbstbezogenheit, der Drang zur Selbstoptimierung und der Glaube an den Segen von Markt und Konkurrenz etwa sind weit verbreitet…Der Neoliberalismus ist uns normal und alltäglich geworden. Oft bemerken wir ihn gar nicht mehr. Dieses Buch führt in die Hintergründe dessen ein. Es fragt nach den Mechanismen und Bedingungen, unter denen sich bestimmte Aspekte und Elemente des Neoliberalismus gerade auch im Denken und Handeln der Menschen verankern konnten. Dabei konzentriert es sich auf Lebensweltliches und Alltägliches."(S. 7)

Diesem Anspruch wird das Buch von Schreiner nur bedingt gerecht. Es wäre besser gewesen zu schreiben, dass es Schreiner nicht um die Hintergründe des Neoliberalismus geht, – hier ist auf das letzte Buch "Unterwerfung als Freiheit" im selben Verlag zu verweisen – sondern – wie es der Klappentext präziser heraushebt – um Erklärungsansätze für die (fortgesetzte) Herrschaft des Neoliberalismus über das Leben und Denken.

Die Hintergründe des Neoliberalismus diskutiert Schreiner sedes materiae erst im 12. Kapitel unter der Überschrift "Moral macht Markt". Dort werden die Überlegungen Friedrich August von Hayeks zur Evolution des Kapitalismus vorgestellt, die konstitutiv für das neoliberale Menschenbild sind. Warum Schreiner dieses Kapitel mit einem längeren Zitat aus der Esoterik-Zeitschrift "Aurora" einleitet, leuchtet nicht ein und die Kritik, deren Ausführungen seien anschlussfähig an neoliberales Denken, weil "Gesellschaft und Markt….nicht mit dem Verstand analysiert und interfragt, sondern akzeptiert (werden)," dürfte ins Leere laufen: solches esoterische Denken hat in der Regel gar nicht den Anspruch, politisch zu sein geschweige denn zu analysieren.

Interessant dann aber die Ausführungen zu Hayeks Theorie der Evolution von Gesellschaften (S. 119ff). Frühzeitliche Gesellschaften überlebten demnach mit ihren kleinen überschaubaren, geschlossenen Gruppen durch wechselseitige Solidarität und Selbstlosigkeit. Mit der Herausbildung immer größerer Gruppen und Gesellschaften mussten sich komplexere Regeln des menschlichen Verhaltens herausbilden. Die Mitglieder dieser Gesellschaften waren sich nicht mehr persönlich bekannt, ihr wirtschaftliches Handeln verlief indirekter. Räumliche Entfernungen und soziale Hierarchien wurden immer größer, Welt und Umwelt immer unübersichtlicher. Hier halfen laut Hayek die neuen Regeln: Achtung des Privateigentums, Vertragsfreiheit, Handel, Wettbewerb, das Recht auf Gewinne sowie die Achtung der Privatsphäre. Schon hier wäre ein Ansatzpunkt gegeben, die Hayeksche Weltsicht zu erschüttern: Privateigentum gibt es menschheitsgeschichtlich erst mit der "neolithischen Revolution", also der Sesshaftwerdung der Menschen und die anderen Institutionen sind solche der aufkommenden bürgerlichen Aktionsformen, sind also vor dem Hintergrund der mehrhunderttausendjährigen Geschichte der Spezies allesamt erst jüngster Natur und haben sich eben nicht naturwüchsig entwickelt, sondern wurden zum Teil recht gewalttätig durchgesetzt.

"Die wechselseitige Abstimmung, das verlässliche Verhalten der Menschen und die Produktion von Gütern finden allesamt an Märkten oder durch Märkte statt. Auch Freiheit ist damit Freiheit am Markt." (S. 120) Interessanterweise setzen sich diese Regeln angeblich "unbewusst" durch, jeder Versuch, Regeln "bewusst" zu setzen, seien wirkungslos oder endeten gar im Chaos. Allenfalls seien kleinere Verbesserungen als "Unterstützung der Evolution", nicht aber als deren Korrektur denkbar. "Neoliberale Moral wäre dann als Ergebnis des eben geschilderten Prozesses der Evolution zu verstehen."(S. 123) Schreiner kritisiert nun, dass der Neoliberalismus Denken und Verstand ausblendet und Markt und Konkurrenz als gegeben voraussetzt. Und dann schließt er wieder mit einem Hieb gegen die Esoterik ab, die Gemeinsamkeiten mit dem Neoliberalismus habe.

Diese Kritik überzeugt nicht. Ist nicht Hayeks Denken vielmehr vollständig ahistorisch? War es denn wirklich so, dass sich Markt, Privateigentum usw. von selbst durchgesetzt hätten, dass sie die Wirklichkeit der Menschen bis weit ins 19. Jahrhundert abbilden würden, dass das ganze Ergebnis einer Evolution ist? Das sind doch Mythen, die einer Überprüfung nicht standhalten! Sicher gab es Märkte, sicher gab es Handel, aber in welchem Umfang? Zuletzt David Graeber weist nach, das die Wirklichkeit der überwältigend großen Anzahl der Menschen eben nicht durch marktliche, sondern durch Reziprozitätsbeziehungen auf der Grundlage von Vertrauen geprägt waren, dass Handel zu einem erheblichen Anteil von Eliten für Eliten getrieben wurde, dass Privateigentum eine relativ junge Institution ist, die zudem seit dem 15. Jahrhundert gewaltsam gegen die Bauernschaft und mit Arbeitszwang gegen die Armen durchgesetzt wurde.

Zu recht entwickelt Schreiner in seinem Kapitel über Naomi Klein (S. 126ff) das ganze Panorama der gewaltsamen Schocktherapien, denen ganze Gesellschaften durch neoliberal ausgerichtete Regimes und Regierungen ausgesetzt wurden, in Europa mit der Thatcher-Regierung nach 1979 und in Osteuropa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991. Und ist es keine Gewalt, mit der das Kontrollregime gegenüber Empfängern von Leistungen nach dem ALG II droht, wenn Sanktionen entgegen der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zum Existenzminimum unter dasselbe gedrückt werden können? Und dieses Wissen entfaltet in der Gesellschaft seine Wirkungen. Diese Seite einer Existenzbedrohung und einem Ausschluss von Teilhabe, die für die gesellschaftliche Existenz von Menschen essentiell ist, beschreibt Schreiner in seiner Analyse der moderneren Gesellschaftstheoretiker von Horkheimer bis Boltanski/Chiapello. Durch den Aufbau des Buches, das in jedem Kapitel kritische Gesellschaftstheorie unter der Fragestellung behandelt, was sie jeweils zur Erklärung der neoliberalen Hegemonie beiträgt, kommt dieser systematische Aspekt der Gewalt bei der Durchsetzung neoliberaler Denk- und Handlungsfiguren zu kurz.

Und ob die Analysen von Karl Marx bei der Analyse der spezifischen Aspekte der neoliberalen Phase des Kapitalismus helfen, scheint fraglich. Sicher: "Mit der Verwertung der Sachenwelt nimmt die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu."(S.26) Aber hilft es wirklich, Marx Kapitalanalyse des 19. Jahrhunderts auf den Neoliberalismus des 21. Jahrhunderts zu prolongieren? "Entfremdung, Ausbeutung, Instrumentalisierung von sich und anderen, Fetischismus, Warenaustausch statt unmittelbarer Beziehungen: All dies lässt sich mit Marx als Hintergrund jener neoliberalen Selbstverwirklichung verstehen, die Coaches, Psychologinnen und Chefs heute so gerne predigen. Diese entpuppt sich damit als Versuch, entfremdete Arbeit als Freiheit und Glücksquell umzudeuten." (S. 27f). Marx Analyse als Passepartout zu allen möglichen Phasen des Kapitalismus? Zudem fehlt uns heute die Gewissheit, dass mit einer Arbeiterklasse auch das Subjekt für eine Alternative bereitstände. Sicher aber ist, dass es einer solchen Alternative bedarf und dass es Bewegungen gibt, die eine solche Alternative anstreben, auch wenn diese allenfalls in Konturen sichtbar geworden ist. Man darf gespannt sein, ob Schreiner in einer Fortsetzung die Kräfte analysiert und benennt, die alle Verhältnisse umstürzen, in denen es der neoliberalen Illusionen bedarf, um den Menschen nicht als ein erniedrigtes, unterdrücktes und verächtliches Wesen wahrzunehmen.

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sopos 5/2017