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VEBiermann - Mit Marx- und Engelszungen

von Elmar Klink

Im November 2016 ist er 80 geworden, der Mensch Wolf Biermann. Rechtzeitig zum Jubiläum hatte der mittlerweile ergraute Herr mit Seehundschnauzbart seine autonome Autobiographie vorgelegt mit dem Titel: Warte nicht auf bessre Zeiten. Ein Titel auch einer seiner LPs. Auch womöglich, um anderen kritischeren Sichten auf ihn zuvorzukommen. Er war mal Kommunist. Vor vielen Jahren. Ein sehr Linker in der sehr mäßig linken DDR.

1953, im Jahr der Juni-Aufstände in Ost-Berlin und anderswo im Land, war der 16-jährige Kommunistensohn in das Land der Arbeiter und Bauern gekommen. Sein Vater, ein Hamburger Werftarbeiter und antifaschistischer jüdischer Widerständler, war im KZ Auschwitz ermordet worden. Bereit und jugendlich begeistert für den sozialistischen Aufbau war der Mensch Biermann. Bau auf, bau auf, freie deutsche Jugend bau auf… Er baute sich auf, machte Abitur, begann 1955 Politische Ökonomie zu studieren, das revolutionäre Kernfach. Zwei Jahre später brach er ab. Er hatte seine künstlerische Ader entdeckt, seine Vorliebe für die scharfe Sentenz, die Polemik, den Agitprop und absolvierte zwei Jahre als Regieassistent beim Brecht Ensemble. Dem Zentrum der Theater- und darstellenden Kunst im Dienst des "sozialistischen Realismus" a la Urvater BB. 1960 dann die Begegnung mit Hanns Eisler, dem kongenialen Brecht-Komponisten. Er fand den jungen Mann "scheenial". Das prägte das Ego und Selbstbild des Gelobten, bestimmte auch sein künstlerisches Werden und musikalisches Handwerken. Die doppelte Impfung Brecht/Eisler begann zu wirken.

Noch studierte er bis 1963 weiter Philosophie und Mathematik an der Humboldt-Universität. Indessen begann er mit Theaterarbeit, gründete des Berliner Arbeiter-Theater (b.a.t.), widmete sich in einem kritischen Stück (Berliner Brautgang) der Zeit des Mauerbaus. Damit und noch mit anderem Unbequemem machte er zunehmend auf sich aufmerksam, negativ, bei den Genossen Oberen und ihrer Stasi. Die schoben dem Menschen Biermann einen ersten Riegel vor, verboten das Stück, schlossen das Theater. Aus mit willigem ‘Bau auf’ an der Kulturfront. Aus auch mit Aufnahme in die SED - njet! Diplomvergabe verweigert. Karriere früh verbaut. Es war wie die verweigerte Elternersatzliebe. Soviel zu entscheidend prägenden Anfängen.

Man begann systematisch damit, die "Person Biermann" überwachungsmäßig zu zersetzen. Ein Schicksal, wie es viele luxemburgisch Andersdenkende auch ähnlich erfuhren und erlitten. Aber der Mensch Biermann merkte sich das besonders, fühlte sich tief getroffen und verletzt. "Das Schlimmste", sagte er noch 2006 im Gespräch gegenüber Spiegel-online, "war die Entmündigung". Der Staatsangriff gegen sich selbst. Das kränkte den Narziss in ihm, war er doch ein Freiwilliger, ein gerne Mittuer und vor allem Genosse, auch ohne Parteibuch. Das schürte auch fortan seinen Hass (und vielleicht auch jüdischen Vergeltungsdrang?) auf SED-Bürokratie, Parteibonzen, Stasiknechte usw. Er gedachte sich auf langem Weg zu revanchieren. Denn ein Aufgeber und Kleinzukriegender war der Mensch Biermann nicht, sondern ein Kämpfer - mit Marx und Engelszungen, noch. "Warte nicht auf bessre Zeiten" und "Du lass dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit…", ein Motto, das so manche solidarische Andersdenkende im politischen DDR-Knast überleben und nicht verzagen ließ. Der Mensch Biermann wurde zum ausdauernden Langstreckler und saß doch nahezu unbeweglich fest in seiner Wohnhaft Chaussestr. Nr. 131 mit überwachtem Freigang Sie wurde seit dem Dauerauftrittsverbot des ZK-Plenums ab 1965 auch zu seiner Gesangs- und Rezitationsbühne und zum Empfangssalon für Freunde und viele Besucher. Biermann zu observieren hieß einen relevanten "staatsfeindlichen" Kontext zu erfassen. Statt Publikumstöne und Beifall gelangten auf der ersten eigenen LP ‘Chausseestaße. 131’ (1968) in den Pausen zwischen den Liedern durchs offene Fenster aufgenommene Straßengeräusche und das Schienengeschleife der Straßenbahn aufs Grundig-Tonband. Noch 1965 war Biermann auf "Auslandsreise" zu Gast bei Wolfgang Neuss in dessen Frankfurter Kabarett. Diese mobile Zeit war nun vorbei. Das liberalere Zwischenklima in der DDR zog wieder strenger an.

Aber der Mensch Biermann schoss auch so seine tönenden roten Sterne aus seiner Gitarre wie aus einem Gewehr ab. Z. B. 1968 mit dem Lied "Drei Kugeln auf Rudi Dutschke". Diesmal über die Mauer hinweg an die Adresse West der Aufhetzer gegen den bei einem Pistolenattentat schwer verletzten SDS-StudentInnenführer aus der DDR. Es begann seine künstlerische und beste politische Hochzeit mit vielen improvisierten Plattenaufnahmen, die illegal in den Westen gelangten und professionell aufgemischt und vertrieben wurden. Sein virtuoses, variables Gitarrenspiel und seine markante Stimme, mal laut, mal leise, mal piepsig schrill, mal krächzend wie ein Rabenvogel, die so treffend und gehässig und unversöhnlich rezitieren konnte. Wehe, wer Biermann unterkam. Er sorgte für des Gewissens "Folter" für die Oberen, nicht ihre Häscher-Praktiken "folterten" ihn. Wer hat so’ne "Stimme" schon gern. Es entstanden treffliche Sammlungen von Lieder-Werken auf LP wie ‘Trotz alledem!’ (1978) oder ‘Es gibt ein Leben vor dem Tod. Lieder über Spanien, Chile, Kuba’ (1976). Seine Würdigung von Kämpfenden im Spanischen Bürgerkrieg galt explizit auch nicht nur von Franco verfolgten Anarchisten und Trotzkisten. 1965 war sein erster Lyrikband "Die Drahtharfe" erschienen, es folgten weitere Bände mit Balladen und Liedern samt Noten, Texten und Gedichten, alle erstmals bei Wagenbach veröffentlicht. Sie begründeten den Ruf des scharfsinnigen, wortgewaltigen, polternden Sängerbarden, der kein Blatt vor den Mund nahm und sich selbst gerne in der Tradition einem Francois Villon und Heinrich Heine folgen sah. Deutschland West und Ost, ein Wintermärchen.

Dann die große Zäsur. Das Jahr 1976, des Menschen Biermanns Deutscher Herbst. Sein Staat bürgerte ihn kurzerhand in Abwesenheit aus bei seinem ersten genehmigten BRD-Konzert in Köln. Das stand noch unter dem Slogan ‘Das geht sein’ sozialistischen Gang‘. FreundInnen und KollegInnen ergriffen in der DDR solidarisch Partei für ihn, protestierten gegen die kalte Ausbürgerung, vergebens. Der Mensch Biermann plötzlich für immer im Westen, seiner direkt betroffenen Plattform und Hassadresse im Alltag beraubt. Konnte er der Sänger der westdeutschen Linken werden, die schon eigene hatte, Franz-Josef Degenhardt etwa, das ‘Väterchen Franz’ und Walter Mossmann, der Anti-AKW-Sänger und Freiheitslieder-Interpret? Konnte er nicht, wollte es vielleicht auch nicht. Zu den beiden Genannten hatte er keine Verbindung, Degenhardt war für ihn ein "kastrierter Liedermacher der DKP". Biermann war überhaupt freigebig im Austeilen. Die in der DDR anerkannte Brecht-Interpretin Gisela May nannte er frech eine "Brecht-Zersingerin".

Die BRD-Linke war zu der Zeit tief gespalten: in eine "undogmatisch" sozialistische, eine maoistisch kaderparteiliche und eine "revisionistisch" Moskau und DDR treue, sprich DKP. Nur Teile der erstgenannten sympathisierten mit Biermann, hielten im westdeutschen Exil zu ihm. Noch jüngst karrte anlässlich der Autobiographie ein Schreiber der DKP-Zeitung unsere zeit noch mal mächtig gegen Biermann nach (uz Nr. 46, 18.11.2016). Der blieb aber - zunächst - ein Unabhängiger, ein lauter Grantler gegen Kapitalismus und DDR-Staatsrealität. Er verlegte sich etwas mehr auf andere, auch private Themen, 1980 erschien die LP ‘Eins in die Fresse, mein Herzblatt‘. Er bearbeitete literarische Stoffe, schrieb politische Bücher, eine Anleitung zum Verse- und Liedermachen. Er versuchte auch im AKW-Protest Fuß zu fassen, schrieb das Lied "Gorleben soll leben". Die kurze Zeit der Freien Republik Wendland 1980. Er begann sich in den 1980er Jahren politisch noch flexibel umzustellen, doch die Töne der Marx- und Engelszungen wurden dabei leiser, irgendwann waren sie ganz verklungen. Der Mensch Biermann gab seine sozialistische Überzeugung preis. Nach eigenem autobiografischem Bekunden soll seine Loslösung vom "kommunistischen Kinderglauben" im Jahr 1983 geschehen sein, unter dem Einfluss von Manès Sperber, der sich selbst als aktives KPD-Mitglied einst von der Partei losgesagt, getrennt und über die Gründe dafür in seiner autobiografischen Romantrilogie "Wie eine Träne im Ozean" ausführlich geschrieben hatte. Biermann behielt nur den Antistalinismus und Antikommunismus über, da kann man leicht in ein anderes Fahrwasser gelangen, in andere Gesinnungskreise geraten. Bei den Protesten der Friedensbewegung gegen die NATO-Nachrüstung hielt er sich merklich zurück und im Hintergrund. Da sangen andere auf den großen Kundgebungsbühnen. Privat wuchs die Familie mit Kinderschar zusehends an und wechselten sich in seinem Leben Ehen und Partnerschaften ab. Da musste einer sich auch mal ums Brot für hungrige Mäuler kümmern. Der Mensch Biermann wurde gut bezahlter freier Publizist. Das ging jetzt nur noch sein’ Biermannschen Gang. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

War es aber nicht auch Biermanns ideologisch gebrochenes Verhältnis zum Pazifismus, was ihn wenig mit dieser gewaltlosen Friedensbewegung anfangen ließ? Biermann war als Kommunist und dann auch 1989-Gewendeter nie Pazifist gewesen. Kriegsgegner ja, auch Antimilitarist. Für den Pfarrer aus der DDR-Opposition, Friederich Schorlemmer, wurde Biermann zum "Wendehals". Bald änderten sich die Prämissen ganz. 1988 war er noch Hamburger Auslandsmitglied der PCE geworden. "Klartexte im Getümmel. 13 Jahre im Westen", nannte er 1990 seine gedanklichen Reflexionen aus der Zeit nach der Ausbürgerung bis zur 89er-Wende. Wie zur Selbstrechtfertigung erschien 1991 die LP ‘Nur wer sich ändert’ bleibt sich treu. Und Biermann blieb es nicht, trotz Änderung. Im Golfkrieg II (1991/92) wurde der Untreue zum schillernden "Bellizisten", schlug jetzt richtig antirote Töne an. Er griff eine "antiisraelische" (antisemitische) und "antiamerika-nische" Friedens- und Antikriegsbewegung scharf und diffamierend an. Jetzt baute sich für ihn ein neues Feindbild auf, die deutsche Linke. Sie erhielt besonders im Osten Auftrieb ausgerechnet von einer SED-Nachfolgepartei PDS, die sich mächtig Federn lassend in die vereinigte BRD-Realität hinübergerettet hatte. Biermanns Albtraum, der kein Ende nahm. 1999 schlug er sich auf die Seite der NATO-Intervention im Kosovo gegen Serbien mit aktiver deutscher Kriegsbeteiligung. Nach Saddam Hussein im Irak war für ihn jetzt der serbische Präsident Milosevic der "Hitler", den es mit Krieg zu bekämpfen galt. Das Muster wiederholte sich 2003 im Golfkrieg III. Der Mensch Biermann trommelte für deutsche militärische Beteiligung an der USA-angeführten "Koalition der Willigen" gegen den vom Westen aufgerüsteten Golfpotentaten, polemisierte wieder gegen Pazifisten und Linke...

Viele Linke wandten sich spätestens 1991 irritiert und enttäuscht von Biermann ab. Vom Menschen Biermann schien immer weniger übrig zu bleiben. Er wurde öffentlich vielfach geehrt, Deutschlands bedeutendste und gut dotierte Literaturpreise gingen zu Hauf an ihn. Deutscher Nationalpreis 1998 und Großes Bundesverdienstkreuz 2006 aus Präsident Köhlers Händen. Der Mensch Biermann war im Establishment angekommen, wurde Teil einer neuen, von ihm früher gehassten und bekämpften Klasse, der bürgerlichen und pflegte zur politischen zunehmend gute Beziehungen. 1998 folgte er der Einladung zum Aufgesang bei der CSU-Klausur in Wildbad Kreuth. F. J. Strauß war früher mal sein schlimmster Gegner! 2013 verkündete der Sänger "mit Herz eigentlich für die SPD"(!) seine Stimmabgabe bei der Bundestagswahl für die CDU. Da verlor er die Orientierung wohl vollends. Dann 2014, die große Chance zur öffentlichen Abrechnung. Auftritt am 7.11. zum freiheitsstaatspflichtigen Mauerfallgedenken im Bundestag. Biermann singt das Lied von der ‘Ermutigung’, die Stimme des 78-Jährigen klingt jetzt brüchiger, das Gitarrespiel ist nicht mehr so perfekt. Doch zuvor macht er sein gewohnt lästerliches Maul auf und wendet sich dozierend an die Linke schräg vor sich, brav wie SchülerInnen auf den Bänken sitzend. Gysi vorne schaut mit versteinerter Miene in einige Papiere, vorahnend, was jetzt vom Herrn Lehrer kommt und von der Mitte bis rechts außen immer wieder Beifall erntet. Biermann gibt von der Leine gelassen den großen "Dra-Dra-Drachentöter", die Linken vor ihm sind die "Drachenbrut", der "elende Rest dessen, was zum Glück überwunden ist", der sich ihn nun anhören musste. Er bezeichnet die Partei Die Linke als "reaktionär", spricht ihr das Linkssein ab. Dieser peinliche, von Präsident Lammert nicht zur Ordnung gerufene Auftritt, war des Menschen Biermann unwürdig und ein Affront gegen jeden fairen Anstand und Respekt. Das ist eben Biermann, originär und ordinär, monströs in diesem Fall und selbstherrlich. Es heißt, die Konvertiten seien die Schlimmsten. Mensch Biermann, du warst doch mal Kommunist!

© Elmar Klink, Bremen, 9.12.2016. ElK-Texte (Politische Dossiers). Kontakt: Elmar.Klink(at)gmx.de. Mit freundlicher Genehmigung des Autors

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sopos 2/2017