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"Auf Wiedersehen, Comandante!"

Anmerkungen zum Tod Fidel Castros am 25. November 2016 in Havanna.

von Elmar Klink

Die traurig-wehmütig anmutenden Worte der Überschrift stammen vom griechischen Präsidenten Tsipras. "Die Welt trauert um Fidel Castro", titelten aktuell online-Medien und kommentierten einzelne Erklärungen von Staatsmännern und -frauen. Die ganze Welt gewiss nicht. Nicht wenige werden erleichtert sein, dass es den "Maximo Lider" nun endlich in seinem 90. Lebensjahr weggesenst hat. Lange genug hatte er die Welt ja schon warten lassen, bis er 2006 krankheitshalber den Stab an seinen fünf Jahre jüngeren Bruder und Revolutionsgefährten Raul übergeben und sich völlig zurückgezogen hatte. Davor war der groß gewachsene Hüne und gelernte Rechtsanwalt nach einer Rede beim Abgang vom Podest auch schon mal der Länge nach gestürzt. Wegen seines angeführten und gescheiterten Angriffs 1953 auf die Moncada-Kaserne vor Gericht gestellt, sind in seiner Verteidigungsrede im Prozess die viel zitierten Worte gefallen: "Die Geschichte wird mich freisprechen".

Stimmen aus der "Dritten Welt", für die Castro zur Ikone des Widerstands und Widerspruchs gegen die Großen der kapitalistischen Hemisphäre, besonders die USA und zum ständigen Stein des Anstoßes wurde, priesen eher diese seine Rolle. Die er auch weidlich und aufmüpfig ausfüllte, nicht nur weil er lange die kommunistische Supermacht der UdSSR schützend im Rücken hatte. Diese hatte er noch in der sog. Kubakrise 1962 zur Eröffnung eines Atomkriegs gegen die USA aufgefordert, aber Chruschtschow und die Kremlführung winkten ab. Sie hatten sich "in letzter Minute" mit dem Weißen Haus und den Kennedy-Brüdern im stillen Kompromiss geeinigt, wovon die Welt damals nur wenig erfuhr. Vordergründig wurde der Krisenausgang als Ergebnis harter "Quarantänepolitik" der US-Seeblockade und ihres massiven militärischen Auftretens gegen die russische Atomraketenstationierung auf der Karibikinsel gewertet und gefeiert. Hintenrum hatte man ohne Castro miteinzubeziehen den Deal geschlossen, Abzug von SU-Raketen auf Kuba gegen Abzug von US-Raketen in der Türkei und die Nichtangriffsgarantie der USA gegenüber Kuba. Die strategische Besonnenheit, dass es deswegen nicht zu einem weltweiten Atomkrieg kam, ist wohl dem Oval Office gleichermaßen geschuldet wie der Chruschtschow-Führung, hinter denen beiden die Falken agierten, aber nicht zum Zug kamen. Beide verantwortliche Seiten bezahlten dafür ihren Tribut: Die Kennedys mit der doppelten Ermordung und Chruschtschow mit seiner Ablösung wenige Jahre danach durch den Hardliner Breschnew.

Dabei war es nach der Kubakrise noch zu einer gewissen langsamen Annäherung zwischen Castro und Kennedy gekommen, aber das Attentats-Komplott von Mafia und CIA- und Exilkubanerkreisen vom November 1963 in Dallas machte dem ein jähes Ende. Nun folgte der lange Kalte Krieg zwischen den USA und Kuba mit hartem Wirtschaftsembargo, Geheimdienstplänen zur Beseitigung Castros und einer Strategie der kontinentalen "Counterinsurgency" (verdecktes Unterlaufen und Sabotieren) des US-Imperialismus im lateinamerikanischen Hinterhof. Für diesen spielte Kuba das leuchtende Vorbild einer geglückten Revolution, wenn es auch vorrangig keine des breiten Volkes, sondern einer taktisch wie strategisch geschickt operierenden "Guerilla in den Bergen" war. Taktisch und strategisch geschickt geführt von Castro und seinen engen Vertrauten Raul und Ernesto Guevara. Doch das kubanische Volk begrüßte mehrheitlich freudig diesen militärischen Umsturz zum Neujahr 1959 und die Vertreibung des verhassten "Schlächters" Batista, der nur noch am Tropf von US-Mafia und CIA hing und nur so seit dessen Putsch 1952 überlebte. Wenn die USA wirklich gewollt hätten, hätten sie der Laus Castro in ihrem Pelz schon längst selbst den Garaus machen können, indem sie noch vor dem Sieg der kubanischen Revolution von ihrem Militärstützpunkt Guantanamo aus im äußersten Südosten der Insel mit einer begrenzten Operation gegen die anfangs kaum mehr als hundert Mann starke Castro-Truppe in der benachbarten Sierra Maestre vorgegangen wäre. So wie sie es später in Grenada militärisch taten. Aber man setzte auf den Vasallen Batista, beriet und rüstete dessen 10-fach überlegende Armee auf. Auch nach Castros Erfolg initiierte man Stellvertreteraktionen wie die missglückte Landung der von den USA ausgerüsteten und gelenkten Exil-Kubaner-Truppe mit 1.300 Mann im April 1961 in der Schweinebucht an der mittleren Südküste. Mit ihnen wurden die kampferprobten Revolutionsstreitkräfte Castros ohne US-Deckung schnell fertig. Castro begann sich von nun an militärisch mit sowjetischer Hilfe auf Schlimmeres von Seiten der USA vorzubereiten und holte sowjetische atomare Mittelstreckenraketen ins Land.

Nach dem kalten Abgang Batistas durch Flucht ins amerikanische Ausland und dann ins faschistisch beherrschte Portugal, begann die "Abrechnung" Castros mit dessen Anhängern in Staat und Militär, oft genug gedungene Mörder, Folterer und üble Handlanger, es gab Tribunale, Hunderte von Hinrichtungen, standrechtliche Erschießungen (von Che Guevara z. T. persönlich ausgeführt), Verfolgung und Vertreibung politischer Gegner und Andersdenkender. Etwa 200.000 KubanerInnen verließen sofort das Land, als es noch möglich war, die meisten in Richtung Florida/USA, wo ein exilkubanisches revanchistisches Potenzial entstand. Selbst Castros Schwester war darunter und eine seiner Töchter. Sie hatten und haben keine gute Meinung von ihrem nächsten Verwandten und kritisierten ihn scharf als "Despoten". Am Ende des Exodus bis heute sollte es eine runde Million werden, die das Land verließen oder in der Phase, als Castro sie ziehen ließ ("wer gehen wolle, soll abhauen"), wie die heutigen Bootsflüchtlinge des Mittelmeeres mit improvisierten Schlauchbooten und alten zusammen gezimmerten Fischkuttern losschifften. Insgesamt leben heute etwa 1,4 Millionen KubanerInnen in Florida, von denen viele auf ihre Rückkehrmöglichkeit warten. Nun sind das lediglich die bekannten und je verschieden interpretierten und bewerteten Phänomene, nicht die Ursachen für den Aderlass, der im unversöhnlichen West-Ost-Gegensatz und der deshalb auch angespannten ökonomischen Dauerkrisenlage und wirtschaftlichen Unterent-wicklung Kubas trotz enormer technischer und finanzieller sowjetischer und DDR-Unterstützung zu suchen ist.

Es gibt soziale Errungenschaften, die zu vermerken sind: z. B. die nahezu vollständige erfolgreiche Alphabetisierung der Bevölkerung, ein gutes Bildungs-system, eine Agrarreform, ein vorbildliches staatliches Gesundheitswesen für alle, die Beseitigung der Prostitution und die Stärkung der Stellung der Frau und Frauenrechte.. An sich sind das noch keine spezifischen sozialistischen Qualitäten. Aber Dinge, die es unter Batista so schnell oder vielleicht gar nicht gegeben hätte. Die auch mit dazu führten, dass die Menschen sich mehr ihrer Rechte, Interessen und Bedürfnisse klar und bewusst wurden. Wer am revolutionären Projekt mitwirken wollte, konnte es auf dieser Basis. Doch Revolution hat und behalt immer auch ihre Gegner, was zum Prüfstein wird für ihren humanen Gehalt, wie mit diesen konträren Kräften umgegangen wird. Die Sandinisten etwa in Nicaragua gingen einen anderen riskanten demokratischen Weg und auch Allende in Chile mit einer geeinten breiten "Volksmacht", wohin die castristische Revolution stark ausgestrahlt und Stimmungen ermutigt hatte, ja es sie womöglich ohne das Beispiel Kuba so nicht gegeben hätte. Die Widersprüche in Kuba hoben sich dort auf eine neue dialektische Stufe. Was ihre freieren Experimente dennoch gewaltsam beendete, ist soweit bekannt. Tatsache ist, eine sozialistische Revolution muss lernen, durch praktische Überzeugung zu siegen und dabei mit möglichst wenig Gewalt und Unterdrückung ihrer Gegner auszukommen, sonst bleibt sie ohne Chancen und fördert nur die Reaktion. Chile und Nicaragua sind positive Beispiele. Gewaltförmige Herrschaftssicherung auf weit subtileren versteckten Ebenen z. B. durch gezielte Meinungskontrolle kennt freilich jeder demokratische Staat durch sein beanspruchtes Gewaltmonopol und die innere Sicherung durch Militär und paramilitärische Bundespolizei.

Fidel Castro in Berlin

Fidel Castro in der DDR (Berlin, 1972; Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-L0614-040 / CC-BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org)

Castro und sein System waren und konnten objektiv unter der drückenden West-Ost-Spannung und konzertiertem westlichem Wirtschaftsembargo nur zu wenig Zugeständnissen nach innen bereit sein. Einen blockfreien Status hätte Kuba nicht lange überlebt. Auch die politische linke Opposition etwa von linken Liberalen, Anarchisten und Trotzkisten wurde unterdrückt und verfolgt. In kubanischen Gefängnissen schmachteten auch einfache Menschen aus dem Volk. Menschenrechtsorganisationen wie amnesty international berichteten immer wieder auch von politischer Verfolgung und sogar Folter bei Verhören. Auch die Kirchen wurden in Kuba lange behindert und unterdrückt, demokratische Grundrechte eingeklagt. Ein Umstand, der freilich auch in "freien westlichen Gesellschaften" nicht unbekannt ist, was die Grundrechte betrifft, man lese nur den jährlichen Grundrechtereport des Grundrechtekomitees zur Lage in der BRD. Nur relativiert sich nicht ein Unrecht durch ein anderes. Eine systematische Verfolgung und Ermordung tausender Oppositioneller wie durch das US-gestützte Pinochet-Regime und die frühere Batista-Diktatur gab es in Kuba unter Castro nicht. Es gehörte von jeher zu den Anliegen eines Teils der politischen BRD-Linken, stets für konkrete Projekte in Kuba solidarische Hilfe durch Geldspenden und Materialsammlungen zu leisten und Verbundenheit mit den Zielen der Revolution zu demonstrieren. Die DKP machte ihre verordnete Kuba-Solidarität zum ideologischen Prüfstein und zelebrierte wie zur DDR und ihrer Führung ungeteilte und unkritische Systemsympathie.

Hier soll nicht weiter besonders auf Castros Persönlichkeit eingegangen werden. Er hatte als Anwalt rhetorische Talente und große organisatorische Vorzüge und vielleicht stärker wiegend zunehmend selbstherrliche bis selbsttäuschende Schattenseiten. Oliver Stones sehr persönliche Film-Dokumentation "Comandante" (USA/ESP) aus dem Jahr 2003 entwarf trotz einiger an ihr geübter Kritik ein durchaus differenziertes und realistisches Bild des Charakters von Castro, seiner politischen Vorstellungen und Weltsicht, die ihn aus einer platten Pauschalisierung als "Diktator" herausholt. Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht von der Partei Die Linke hoben seine visionäre Qualität hervor. Zweifellos war eine solche vorhanden. Aber sie diente ihm immer wieder mehr zur beredten abstrakten Beschwörung der Revolution bis hin fast zur Karikatur seiner selbst als zu ihrer Umgestaltung in eine wirkliche sozialistische Demokratie. Die inneren vor allem ökonomischen Schwierigkeiten des Landes und der Zerfall der Wohnquartiere waren nicht zu übersehen. ebenso wie ein wuchernder bürokratischer Kontrollapparat. Man hing handelsmäßig am Tropf des "Ostblocks" und an der Monokultur des Zuckerrohrs und Tabakanbaus. Wiederholt legte Castro Beispiel gebend demonstrativ bei der Zuckerrohrernte selbst mit Hand an. Als für diesen Handelszweig mit der Epochenwende 1989/90 das baldige Aus kam, war es mit diesem Außenhandel für Kuba vorbei. Man musste sich neue Märkte erschließen, die sich auf dem vor allem südlichen amerikanischen Kontinent nur zum Teil ausgleichend ergaben. Die Bedingungen für kommerzielles Kleingewerbe wurden gelockert. Vermehrt wird heute wieder öffnend auf den Welt-Tourismus gesetzt, auch Prostitution und Glücksspiel breiten sich damit wieder aus. Es entstanden nach und nach Koalitionen mit Ländern wie Ecuador, Bolivien und Venezuela, dem einst reichen Erdölförderland.

In Bolivien brachte eine breite Volksbewegung den ersten indigenen Präsidenten Evo Morales ins Amt, der die Union Südamerikanischer Nationen (UNASUR), eine Art lateinamerikanische EU mit stark sozialem Anstrich, mit initiierte mit dem Vorhaben einer eigenen "Bank des Südens". Es zahlte sich in langer Wirkung auch das Auftreten des Castro-Vertrauten Ernesto "Che" Guevara aus. Er und seine Guerilla, eine erfahrene kubanische Kerngruppe, hatten 1967 in Bolivien einen kurzzeitigen Fokus für eine Guerillabewegung geschaffen und waren durch Verrat und von Castro und der bolivianischen KP praktisch im Stich gelassen von Militär und CIA bald gejagt, gestellt und erschossen worden. Auch wenn man seinen Leichnam für lange unbekannt verschwinden ließ und neben einer Landebahn in Vallegrande verbuddelte, wurde der "Che" Teil bolivianischer Erinnerungskultur des Volkes. Der Argentinier Ernesto Guevara de la Serna war als junger Arzt nach mehreren Motorradreisen durch Südamerika, bei denen er soziales Elend und Not der Menschen direkt kennenlernte und in einer peruanischen Leprastation gearbeitet hatte, in Mexiko zu Castros Exilgruppe gestoßen und hatte sich ihr angeschlossen. Gemeinsam war man 1956 mit der Yacht Granma und einigen Dutzend Kämpfern auf Kuba gelandet, kämpfte 2 Jahre den verdeckten Guerillakrieg der Nadelstiche und Hinterhalte und zog schließlich ohne nennenswerten Widerstand siegend in Havanna ein. Der für die schnelle, revolutionäre ultralinke Gangart bekannte "Hardliner" Che wurde u. a. zeitweilig Banken- und Industrieminister, wovon er trotz marxistischer Belesenheit fachlich wenig verstand. Er verstaatlichte die US-Industrien im Land. Auf seinen politischen Reisen nach Moskau, Prag, Peking und Ost-Berlin konnte Che Guevara eine Reihe wichtiger Wirtschaftsabkommen und Kreditvereinbarungen abschließen. 1965 war er offiziell mit unbekanntem Verbleib ab- und nach einem Zwischenaufenthalt im Kongo in den bolivianischen Kordilleren südwestlich der Stadt Santa Cruz im Rio Grande-Bogen wieder aufgetaucht. Castro war Che Guevaras unsteter Revolutionstrieb nicht unrecht, war doch in Kuba nur Platz für einen Maximo Lider. Mit großer theatralischer Geste las er dann öffentlich Ches Abschiedsbrief an ihn und das kubanische Volk vor.

Zeitweise übernahm der Militär Hugo Chávez in Venezuela für Kuba die einstige Rolle der Sowjetunion. Doch auch damit ist es mittlerweile vorbei, der Weltölpreis sank bedrohlich ab. Chávez erlag 2013 einer Krebserkrankung, das Land ist politisch und ökonomisch inzwischen selbst in einer schweren Krise, die die Errungenschaften eines "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" auch durch reaktionäre Angriffe in arge Bedrängnis bringt. Die gegenwärtige politische Führung unter Maduro ist nicht in der Lage, das einstige Niveau der politischen Entwicklung zu halten und droht von einer rechten Rückwärtswende überrollt und abgelöst zu werden. Kuba unterstützte auch den Vermittlungsprozess zwischen Regierung und FARC-Guerilla zur Erlangung von Frieden in Kolumbien, der sich gegenwärtig nach einem ersten zurückweisenden Volksreferendum in einem zweiten Anlauf für einen Abschluss befindet. Mit der Annäherung zu den USA unter Obama dürfte es mit einer Regierung Trump auch eher vorbei sein. Schon zeichnete sich ein Ende des Wirtschaftsembargos ab.

Mit Castros Tod geht eine Ära zu Ende und es ist ungewiss, was darauf folgen wird. Alternativen hat das Land ökonomisch kaum. Der Schlingerkurs zwischen mehr Liberalisierung oder wieder mehr Restriktion wird sich vermutlich erstmal fortsetzen. Mit offenem Ende. Auch die Führung mit Raul Castro steht absehbar vor ihrer Ablösung. Wird man sich womöglich stärker an China anhängen wollen, das natürlich seine Chance und Stunde für Investitionen wittert und strategisch wäre Kuba vor der US-Küste für die Chinesen ein Pfund. Das weiß man auch in Washington. Einerlei wie sich der Trend abzeichnet, bleibt Kuba ein Beispiel dafür, wie in einer bestimmten historischen Situation Revolution sich bietet und bei Vorhandensein entsprechender Kräfte möglich ist. Materialistische Geschichts-auffassung handelt auch von "der Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte".(G. Plechanow). Demnach muss man die Gestalt Fidel Castros als eine prägende werten und beachten, die ohne Verklärung noch zu manchen Diskussionen und Betrachtungen Anlass geben wird. Insofern darf festgestellt werden: Fidel, presente!

Elmar Klink, Bremen, 9.12.2016. ElK-Texte (Politische Dossiers). Kontakt: Elmar.Klink(at)gmx.de. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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sopos 12/2016