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Rirette Maitrejean – Attentatskritikerin, Anarchafeministin, Individualanarchistin

Rezension

von Hannes Denck

Lou Marin, "Rirette Maitrejean – Attentatskritikerin, Anarchafeministin, Individualanarchistin", Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2016, 262 Seiten

Es gab Zeiten, in denen das Umbringen von Menschen durch die "Rote Armee Fraktion" als Taten von "verwirrten anarchistischen Gewaltverbrechern" gekennzeichnet wurde und entsprechende Fahndungsplakate allerorten prangten. Nichts war dem Selbstverständnis der RAF ferner als anarchistisch zu sein. Schon die Selbstbezeichnung als "Roter Armee" wertete Anfang der 70er die kleine Berliner anarchistische Zeitschrift "Fizz" zu recht als Geständnis dafür, dass es sich bei Baader, Meinhoff und Co. um "Leninisten mit Knarre" handelte. Und wer jemals in den Genuss der ebenso apodiktisch "revolutionäre Gewalt" verherrlichenden Lektüre der RAF kam, der konnte nichts Anarchistisches in ihnen entdecken. Libertär waren die Leute der RAF weder nach innen noch im Verkehr untereinander. Wieso aber konnten staatliche Terrorbekämpfung und Strafverfolgung auf eine Gruppe ein Etikett kleben, das dort partout nicht hingehörte?

Lou Marin stellt als einen der Schwerpunkte seines Buches über die in der libertären Bewegung aktive Anna Henriette Estorges, genannt Rirette Maitrejean, die Phase in der anarchistischen bzw. auch in der sozialistischen Bewegung vor, in der die Empörung über die Gewalt der Herrschenden in Akte individuellen Terrors und damit exzessiver Gewalt umschlug, die Phase der "Propaganda der Tat". Dieser Episode ist es zu verdanken, dass von den Massenmedien jede "linke" Gewaltaktion umstandslos "den" Anarchisten zugeschrieben wurde und wird. Marin stellt heraus, dass diese Phase in Wirklichkeit tatsächlich eine Episode geblieben ist. Nicht zuletzt deshalb, weil in der libertären Bewegung sehr bald Kritik und Selbstkritik einsetzten, bei denen Maitrejean eine wichtige Protagonistin war. Dabei war es nicht die frühe Phase der "Propaganda der Tat", die ihre Kritik fand. Dieser fielen der Zar Alexander II. (1881), amerikanische Präsidenten Mc Kinsey 1901 ebenso zum Opfer wie die Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn 1898. So sehr letztere ein Zufallsopfer war, der Attentäter Luchesi wollte einen anderen Adeligen töten, so sahen Anarchisten in den getöteten Staatsoberhäuptern Verantwortliche für extreme staatliche Gewalt gegen streikende Arbeiter oder aufständische Bauern mit vielen Todesopfern. Maitrejeans Kritik bezog sich auf die militanten Aktionen der Gruppe um Jules Bonnot, die sich um 1911 darin gefielen, bei ihren Raubzügen auch unbeteiligte Angestellte umzubringen. Sie stellte in aller Schlichtheit klar, dass Bonnot und seine Kumpane nichts mehr als Räuber und Mörder seien, die auch vor der Tötung enger Freunde nicht Halt machten.

Diese gut beobachtete und durch persönliche Erfahrungen unterfütterte Gewaltkritik stellt Lou Marin in dem im rührigen, dem gewaltfrei-libertären Milieu zugehörigen Verlag Graswurzelrevolution herausgegebenen Band vor. Diese Kritik brachte Maitrejean zeitweise in Gegensatz zu Victor Serge, mit dem sie eine Liebesbeziehung und spätere Freundschaft verband. Serge rechtfertigte Bonnot: "Sie töten. Zweifellos. Ist das etwa ihr Fehler? Haben sie sich etwa das Schicksal ausgesucht, das ihnen bereitet wurde? Viele haben nur den Fehler gemacht, Menschen sein zu wollen und nicht Bürger, Lohnabhängige oder Soldaten. Einige haben davon geträumt, in einer Welt ohne Chefs frei zu arbeiten. Aber sie durften nur zwischen der Leibeigenschaft und dem Verbrechen wählen. Entschlossen und tapfer haben sie den Kampf gewählt, das Verbrechen." (S. 54)

Aber war nicht schon in jenen Tagen klar, dass diejenigen, die Gewalt unternehmen schnell zu Gewaltunternehmern werden? Nicht nur, dass diese Taten – das erkannten Maitrejean sehr schnell - nie zu einer Verbesserung der Lage der Unterdrückten. Im Gegenteil verschlimmerte sich in aller Regel die staatliche Repression, fragwürdigen Inhaftierungen folgten fragwürdigere Strafprozesse mit Todesurteilen, so als Folge auf einen angeblich von anarchistischen Arbeitern begangenen Bombenanschlag auf dem Haymarket 1886 in Chicago. Diese Aktionen der Gruppe Bonnot und anderer trugen zu einer beispiellosen politischen Brunnenvergiftung in der französischen Öffentlichkeit bei. Es entbrannte auch bitterer Streit in der anarchistischen Bewegung und schwächte sie. Die libertäre Bewegung selbst hatte also wenig zu gewinnen. Lou Marin: "Überhaupt beschrieb Maitrejean im Gegensatz zu allen romantischen Mythen großer Solidarität unter den Ausgebeuteten und Verarmten das Milieu als egozentrisch und zu jedem Schwindel gegenüber Genossinnen bereit, auch in dem Sinne, dass der tägliche Kampf uns Überleben individualistisch ausgefochten wurde."(S. 66) So kann Lou Marin feststellen: "Die wirkliche Delegitimierung der Politik anarchistischer Attentate kam von ihr, direkt aus dem Herzen des individualistischen Anarchismus."(S. 142)

Es gelingt ihm später nachzuweisen, dass die Kritik der Rirette Maitrejean eine der Quellen war, aus denen Albert Camus seine Kritik revolutionärer Gewalt im "Menschen in der Revolte" speiste: "Einen Menschen töten heißt, einen Menschen zu töten!" Maitrejean und Camus hatten im Pariser libertären Milieu seit 1940 persönlichen Kontakt und waren auch nach dem 2. Weltkrieg befreundet.

Wie bereits angedeutet, zählte Maitrejean Interessanterweise in der libertären Bewegung zu den Vertreterinnen einer individualanarchistischen Strömung, die neben einem freiheitlich orientierten Individualismus auch Wert auf Elemente einer praktischen Umsetzung libertärer Ideen legte und mit lebensreformerischen Praktiken verband: Maitrejean lebte in einem Milieu, in dem man sich vegetarisch ernährte und in Kommunen oder Wohngemeinschaften wohnte, der Verkehr zwischen den Geschlechtern sollte frei von bürgerlichen Konventionen sein. Diese Strömung betonte also die individuelle Verantwortung in der politischen Praxis: "Die schönsten Seiten der revolutionären Geschichte wurden von individuellen Taten geschrieben: Von der Menge ist nichts zu erwarten."(S. 113) Das Scheitern einer revolutionären Massenstrategie beschreibt Lou Marin in einem informativen Kapitel über die "Angst vor Staatsterror als eigentlicher Ursache der Abdankung der französischen Arbeiterbewegung vor dem August 1914 und dem ersten Weltkrieg."(S. 147) Zwar war die syndikalistische Conféderation Générale du Travail (CGT) die einzige Gewerkschaft Europas, die dem heraufziehenden Krieg mit zwei Großdemonstrationen und Warnstreiks mit mehreren Hundertausenden Teilnehmern entgegentrat, aber im Frühjahr 1913 wurde bekannt, dass die Regierung die Einweisung von über 800 Anarchisten und CGT-Funktionären in Konzentrationslagern vorbereitete. Man befürchtete eine neue Bartholomäusnacht, und das nicht zu Unrecht. Dieses Angstszenario bereitete den Boden für einen Umschwung in der Stimmung unter den Syndikalisten. "Die bürokratische Erhaltung der Organisation wurde als wichtiger erachtet als der Kampf gegen den Krieg und damit das Risiko, dass die Organisation durch Repression zerschlagen wird."(S. 150) Die Kritik der Individualanarchisten kam zu spät: "Nötig sind nicht starke Gruppen, sondern mächtige Persönlichkeiten."(S. 151) Im patriotischen Sturm, der auch die französische Arbeiterbewegung im August 1914 erfasste, blieb diese konsequente Gegenposition chancenlos. "Ein Anarchist tötet überhaupt nicht. Oder er erniedrigt sich auf das Niveau eines Soldaten oder eines Henkers der unterdrückten Bevölkerung."(S.156). Nach dem 1. Weltkrieg folgte die nächste Wende: ein guter Teil der CGT und Anarchisten wurde zu Sympathisanten der Bolschewiki und wechselte zur französischen KP.

Rirette Maitrejean blieb bei ihrer individualistischen libertären Position und kritisierte scharf den Wechsel ihres ehemaligen Lebensgefährten Victor Serge in das Lager der Bolschewiki bzw. später Trotzkis. Die Umdeutung seiner eigenen Vita vor 1914 ließ sie fragen: "Ist dies bloß eine Wirkung der Literatur oder verstehen es die kommunistischen Ideologien, das Individuum derart auszulöschen, dass sie ihm alle Erinnerungen zu nehmen vermögen."(S. 171) Sie bezog dabei nicht zuletzt Serges Apologie der revolutionären Gewalt ein. So schrieb er in seinem Buch über den katalanischen Aufstand 1917:"Arbeiter strömen durch die blendende Stadt…Ihre Hände werden nicht müde, den schwarzen Stahl der Waffen zu liebkosen. Und Wellen von Stolz und Kraft fließen von diesem Stahl in ihre muskulösen Arme, durch die Wirbelsäule in jene Bezirke des Gehirns, wo durch eine geheimnisvolle Chemie diese wichtige Lebenskraft destilliert wird, die wir 'Willen' nennen." (S.177)

Marin porträtiert eine bis an ihr Lebensende 1968 bescheiden lebende, selbstständige und –tätige Frau, die ihre Stimme nicht nur zur Frage der Gewalt, sondern auch zum gleichberechtigten Leben der Geschlechter, zu Ehe und Sexualität in den Organen der libertären Bewegung erhob. Einen Eindruck davon vermitteln die Artikel, die Marin dem Buch als Anhänge beigegeben hat (S. 215ff.). Sein Buch gibt Anlass, über den Zusammenhang zwischen individueller Verantwortung, Arbeit an der Persönlichkeitsbildung, politischem Denken und praktischer Aktion nachzudenken.

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sopos 8/2016